Skip to main content

2022. März 16. 18:46

„Ich erlebe viele engagierte Menschen in Ungarn“

Interview mit Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm

„Ja, ich stoße immer wieder insbesondere in den sozialen Medien auf ein Bild von Ungarn, was dieses Land auf bestimmte politische Äußerungen festlegt. Ich erlebe ein viel reicheres Ungarn“ – sagte Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm. Der Bayerische Landesbischof wurde persönlich über die Krisensituation an der ungarisch-ukrainischen Grenze  informiert. Vor der Heimreise, auf dem Weg zum Flughafen, baten wir ihn  um ein Interview.

20220306 bajor puspok magyar ukran hatarnal foto Magyari Marton 6

Gestern haben Sie das Grenzgebiet zu Ukraine besucht, haben Sie so etwas erwartet, oder hat Sie etwas überrascht?

Ich nehme vor allem die bedrückende Atmosphäre an der Grenze wahr, wo ich Menschen gesehen habe, die sich sehr, sehr lange in den Armen lagen. Zwei junge Paare die sich in den Armen lagen und bei denen man den Schmerzen des bevorstehenden Abschieds gespürt hat. Ich weiß nicht, ob das Menschen waren, die sich verabschieden mussten, weil der Mann wegen Militärdienst zurück in die Ukraine musste oder was der Grund dafür war, aber man spürte den Schmerz und das Leid der Menschen, was mit diesem Krieg verbunden ist, auch an der Grenze. Das war das eine, und das andere war die Hilfsbereitschaft und die Nächstenliebe die auch dort spürbar war. Dort waren Helfer, die einfach Essenspakete in die ankommenden Autos eingereicht haben, eine Geste des Willkommens, die mich beeindruckt hat. 

Wir wissen, dass Sie von unserer Kirchenleitung – wenige Tage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine – nach Ungarn eingeladen worden sind. Was hat Sie motiviert, die Einladung anzunehmen?

Der erste Grund war die Freundschaft mit unseren ungarischen Geschwistern, die wir seit 30 Jahren empfinden und deswegen habe ich mich gefreut, die Menschen, die ich seit langem kenne und mag, wiederzusehen. Das zweite war natürlich die große Anteilnahme daran, was ihr in Ungarn jetzt an der Grenze leistet, und wovon ich schon gehört hatte. Das wollen wir gerne unterstützen, wo es uns möglich ist. Deswegen wollte ich mir selbst ein Bild von der Situation dort machen, mir erzählen lassen von den Menschen, die in den lutherischen Gemeinden in der Nähe der Grenze jetzt alles tun was möglich ist, um das Leid der ankommenden Menschen zu mindern. Auch in Deutschland machen wir uns viele Gedanken, wo wir helfen können. Dafür ist ein europäisches Netzwerk – etwa, wie wir es über unsere Kirchenpartnerschaft mit Ungarn seit langer Zeit haben - der ideale Ansatzpunkt.

Der russische Angriff auf die Ukraine hat die europäische Politik verändert. Neben den vielen Sanktionen hat der Bundestag vor einer Woche beschlossen, für 100 Milliarden Euro die Bundeswehr zu modernisieren, Waffen zu kaufen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Vor allem hatte mich schon in den Tagen vor dem Beginn des russischen Angriffs die Frage beschäftigt, ob Deutschland Waffen liefern soll, um den Ukrainern zur Hilfe zu kommen. Diese Frage ist in einem persönlichen Gespräch mit Bischof Pavlo Shvartz, dem Bischof der deutschsprachigen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine auf den Tisch gekommen. Er hatte Verständnis geäußert für die deutsche Position, keine Waffen zu liefern. Das hat damit zu tun, dass Deutschland vor 80 Jahren einen Angriffskriegkrieg gegen die Sowjetunion geführt hat. Deswegen steht das Handeln Deutschlands in einem besonderen historischen Kontext. Trotzdem bleibt natürlich die Frage, ob es nicht notwendig ist, ein Volk, dass sich gegen einen Aggressor verteidigt, auch mit Waffen zu unterstützen. Diese Frage hat mich die ganzen Tage danach nicht losgelassen und auch dazu geführt, dass wir innerhalb der Kirche die friedensethischen Grundlagen nochmal neu diskutieren. Wir haben in der jetzigen kirchlichen Position, nachzulesen in der Friedensdenkschrift der EKD, die Möglichkeit der rechtserhaltenden Gewalt als legitimes christliches Instrument. Insofern ist es nichts Neues, dass auch der Gebrauch von Waffen als letzte Möglichkeit zum Schutz von Menschen möglich ist. Wir haben diese Frage bisher immer im Hinblick auf Völkermord und die massenweise Vernichtung von Menschenleben diskutiert, etwa wie bei dem Völkermord in Ruanda, bei dem in hundert Tagen fast eine Million Menschen mit Macheten abgeschlachtet worden sind. Jetzt stellt sich diese Frage noch einmal neu, weil uns die Frage in Mitteleuropa betrifft. Den Angriffskrieg eines Landes auf ein anderes mitten in  Europa konnten wir uns bisher nicht vorstellen. Jetzt ist es passiert. Der russische Präsident Putin scheint auch nicht auf die Möglichkeit gewaltfreier Konfliktlösung zu reagieren. Die muss immer im Vordergrund stehen. Mein Herz ist bei den Menschen in der Ukraine, und es drängt mich danach, sie in ihrer Verteidigung zu unterstützen.  Deswegen kann ich die Lieferung von Waffen nicht kritisieren. Wir müssen aber über diese Fragen jetzt noch einmal sehr gründlich nachdenken Klar ist für mich, dass die militärische Gewalt immer eine Niederlage ist. Militärische Gewalt kann immer nur Ultima Ratio sein – und auch dann immer nur als das kleinere Übel gesehen werden.

20220306 bajor puspok magyar ukran hatarnal foto Magyari Marton 46

Die Kirchen haben weltweit die russische militärische Aktion verurteilt. Sie waren gestern Abend beim Benefizkonzert der ungarischen Lutheraner dabei. In konservativen Kreisen wird oft die Wichtigkeit der Orthodoxie für die christliche Zukunft Europas hervorgehoben. Aber wie sehen Sie die Rolle der russischen orthodoxen Kirche im Kriegspropaganda Russlands?

Die Ökumene ist deswegen so wichtig, weil uns alle das Bekenntnis zu Jesus Christus verbindet. Deswegen ist es keine Frage der katholischen, evangelischen oder orthodoxen Konfession, wie wir uns hier verhalten. Es ist eine Frage des Bekenntnisses zu Jesus Christus.  Und wenn ich das Bekenntnis zu Jesus Christus ernst nehme, dann lässt sich ein Angriffskrieg nie rechtfertigen. Wenn man das ernst nimmt, dann muss man die Frage stellen, auf welchem Wege man diesen Angriffskrieg, den wir gerade erleben, beenden kann. Wenn dabei die kirchlichen Kontakte in Europa helfen können, dann sollte man sie nutzen. Nicht alles, was in dieser Hinsicht passiert, kann öffentlich gesagt werden, um die letzten Möglichkeiten -  durch innerkirchliche Kommunikation darauf einzuwirken, dass dieser Angriffskrieg des russischen Präsidenten beendet wird -  nicht zu zerstören. Gleichzeitig muss das auf der klaren Basis unserer gemeinsamen friedensethischen Überzeugung geschehen, dass sich Angriffskriege nie rechtfertigen lassen. Und deswegen sollten wir alles tun, was wir können, um durch Gespräche mit unseren kirchlichen Partnern auch in Russland darauf einzuwirken, dass dieser Krieg beendet wird. Dabei dürfen wir keinen Zweifel an der inhaltlichen Klarheit lassen, dass dieser Krieg nicht zu rechtfertigen ist. Wir erleben gerade, dass es innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche sehr unterschiedliche Meinungen gibt. Man darf die russisch-orthodoxe Kirche nicht immer nur daran messen, was Patriarch Kirill sagt. Es gibt Kräfte, die mit der Position – die er im Moment öffentlich vertritt – größte Probleme haben, und die sich darüber auch kritisch äußern:  der Metropolit Onufrij, der das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche in der Ukraine ist, aber als Teil des Moskauer Patriarchats dem Patriarchat untersteht, hat sich sehr klar und deutlich gegen diesen Krieg gewendet.  Insofern erleben wir gerade eine innere russisch-orthodoxe Diskussion, von der ich mir hoffe, dass sie zu einer Veränderung der Position an der Spitze führt.

Sie verfolgen seit über 10 Jahren die ungarisch-bayerische Kirchenpartnerschaft, so auch die Arbeit verschiedener lutherischen Institutionen, auch die der Diakonie. Was haben Sie diesbezüglich gestern dazu gelernt, neu erfahren?

Ich habe beglückende Ausdrucksformen in dieser Partnerschaft erlebt, als wir mit dem Kreis der Ehrenamtlichen – die sich jetzt für die Flüchtlinge einsetzen – zusammensaßen. Es ist schnell deutlich geworden, wie eng die Beziehungen zu den Einrichtungen in Bayern sind. Wir wurden von Pfarrern und Laien-Mitarbeiterinnen der Lutherischen Kirchengemeinde in Nyíregyháza empfangen. Dort haben uns Pfarrer Géza Laborczi, Dekan Krisztián Zsarnai, leitender Pfarrer Attila László Kovács, Pfarrerin Erzsébet Molnár und weitere Leiterinnen der dortigen diakonischen Institutionen empfangen. Pfr. Laborczi erzählte von dem bevorstehenden Besuch der Partner aus Herzogsägmühle in Weilheim. Das ist eine diakonische Institution südlich von München, wo es mit der dortigen Einrichtung für Obdachlose eine lebendige Partnerschaft gibt.

Und so erlebe ich das häufig, dass es nicht zuerst und nur die Spitzen sind, die sich treffen, sondern es gibt lebendige Beziehungen an der Basis in den Kirchen, und so soll es sein. Das ist meine Hoffnung in Europa, dass wir als Kirchen über diese Basis und über unsere Partnerschaft ein bisschen Salz der Erde und Licht der Welt sein und helfen können, die Spaltungen innerhalb Europas überwinden.

20220306 bajor puspok magyar ukran hatarnal foto Magyari Marton 18

Die bayrische Synode wird Ende März über die Verlängerung unseres Partnerschaftsvertrages abstimmen. Was meinen Sie, wird es Fragen, vielleicht auch Vorbehalte geben?

Das glaube ich nicht, denn es ist zu deutlich, wie viel Segen diese Partnerschaft in der Vergangenheit gebracht hat und wie viel Segen von ihr auch für die Zukunft zu erwarten ist. Die Beziehungen, die zwischen den Gemeinden und den Einrichtungen gewachsen sind, sind viel stärker als alle möglichen Differenzen, die wir im Zusammenhang mit der politischen Lage in Europa natürlich immer wieder auch in der Partnerschaft spüren. Aber der Sinn dieser Partnerschaft ist ja gerade, als Kirche stärker zu sein als die Differenzen, die in den weltlichen und politischen Zusammenhängen auftreten. 

Wie wir wissen, wenn alles gut geht, werden Sie bald wieder in Ungarn sein, um den Vertrag feierlich zu unterschreiben. Glauben Sie, dass wir bis dahin, angesichts der Krisensituation, unsere Zusammenarbeit modifizieren, oder umstellen müssen?

Ich glaube nicht, dass wir viel umstellen müssen, aber wir müssen natürlich in jeder Situation überlegen: was passt jetzt, was den Menschen wirklich dient?  Und wenn wir uns jetzt die Situation der Flüchtlinge anschauen, dann ist es eine gute Praxis, dass wir in Deutschland auf das hören, was ihr in Ungarn sagt, was ihr braucht, wo wir euch unterstützen können. Und auch umgekehrt:  wir freuen uns auch, wenn ihr uns dabei unterstützen könnt, was wir brauchen.

Und noch zwei persönliche Fragen: Sie haben sich voriges Jahr als Vorsitzende der EKD, nicht mehr kandidiert. Nun sind Sie wieder in erster Linie Landesbischof der ELKB. Wie hat sich Ihr Zeitplan verändert?

Der Kalender hat sich mit Dingen, die nur mit Bayern zu tun haben, sehr schnell gefüllt, aber darüber hinaus sind die E-Mails wieder in anderer Weise explodiert. Ich beschäftige mich gerade stark mit dem Umbau, mit der Erneuerung und mit den Veränderungsprozessen der bayerischen Kirche. Ich habe auch deswegen das Amt als Ratsvorsitzender abgeben wollen, damit ich in den letzten zwei Jahren meine ganze Energie für meine Aufgaben als bayerischer Landesbischof verwenden kann.  

Der Grund ist, dass wir als Kirche in diesen sehr schwierigen Umbauprozessen, wo wir mit weniger Geld auskommen müssen, mit Zuversicht in die Zukunft gehen und nicht in die Depression verfallen wollen. Natürlich verliert man auch etwas, wenn man etwas erneuert. Erneuerung ist immer auch mit dem Verlust von Altem verbunden.  Das können schmerzhafte Prozesse sein, und diesen Schmerz muss man wahrnehmen und aushalten. Er darf uns aber nicht davon abhalten, die Kirche zu erneuern.

Das Bild über Ungarn war in den letzten Jahren in den deutschen Medien nicht immer positiv. Wie nehmen Sie das Land nach diesem Besuch wahr?

Ja, ich stoße immer wieder insbesondere in den sozialen Medien auf ein Bild von Ungarn, was dieses Land auf bestimmte politische Äußerungen festlegt. Ich erlebe ein viel reicheres Ungarn.

Ich erlebe viele engagierte Menschen, die unsere gemeinsamen Werte teilen und die mithelfen können, dass wir alle gemeinsam an einem Europa bauen, auf der Basis der Menschenrechte und der Freiheitsrechte, aber auch der sozialen Gerechtigkeit.  Diese Werte Europas, das sehe ich in vielen Kontakten unserer Partnerschaft, sind sehr lebendig. Und deswegen widerspreche ich dann auch Darstellungen von Ungarn, die unangemessen vereinfachen.

Ich glaube, dass gerade deswegen die Partnerschaft so wichtig ist, weil wir direktere persönliche Eindrücke voneinander haben, und dadurch ein Gegengewicht zu Klischeevorstellungen bilden können, die über die jeweiligen Länder wechselseitig da sind.