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2023. August 28. 14:42

Von Budapest bis Kraków

Interview mit Bischof Tamás Fabiny

Das Interview Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) mit Bischof Tamás Fabiny.

Jugenddelegierte bei der Planung des »Abends der Nationen« auf der 7. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Budapest 1984. Bild: LWB

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn Tamás Fabiny über seine erste Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) spricht, glänzen seine Augen: »Sie müssen sich vorstellen: 1984, Eiserner Vorhang, Kalter Krieg. Und dann kommen Tausende von Gästen aus aller Welt nach Budapest! Sogar den politischen Emigranten hatte die Regierung ein Visum erteilt. Man wollte sich als glücklichster sozialistischer Staat präsentieren.« Der heutige Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn war damals 25 Jahre alt, frisch ordinierter Pfarrer und einer von 300 Delegierten der erstmals stattfindenden Jugend-Vollversammlung. »Das war zugleich mein erstes Erlebnis auf internationaler Ebene. Ich lernte die Spielregeln demokratischer Meinungsbildung kennen. Aber vor allem war es ein Fest. Wir tanzten und sangen mit dem Liedermacher Gerhard Schöne ›Spar deinen Wein nicht auf für morgen‹ und mit dem schwedischen Chor Fjedur ›Freedom is coming‹. Der sächsische Pfarrer Harald Brettschneider hielt eine mutige Rede, forderte ›Schwerter zu Pflugscharen‹.«

Beim Eröffnungsgottesdienst der Jugendversammlung füllte sich die größte Budapester Kirche im Burgviertel mit 600 Menschen, die sich ganz unorthodox überall niederließen, wo gerade Platz war; gepredigt wurde über George Orwells 1984. Fabiny lernte: »Die gelernten politischen Tabus sind nicht mehr gültig.« Zum Eröffnungsgottesdienst der eigentlichen Vollversammlung in der Sporthalle kamen sogar 12.000 Leute. »Als Gemeindepfarrer«, sagt Fabiny, »war ich zehn bis zwölf Gottesdienstbesucher gewöhnt.« Damals wurden wegweisende Beschlüsse gefasst. Die Vollversammlung warf zwei südafrikanische Kirchen wegen ihrer Haltung zur Rassentrennung aus dem Bund. Und man beschloss, dass bei der Neunten Vollversammlung die Hälfte der Delegierten Frauen und 20 Prozent Jugendliche sein sollten.

Vom 13. bis 19. September gastiert die LWB-Vollversammlung in Kraków und damit erstmals wieder in einem osteuropäischen Land. Bischof Fabiny erhofft sich auch diesmal Zeichen der Ermutigung, vor allem für die kleine Evangelisch-Augsburgische Kirche in Polen. Auch klare Friedenssignale seien zu erwarten, wobei, so Fabiny, »auch den russischen Lutheranern ein modus vivendi eingeräumt werden muss«. »Hoffnung für die Welt« hieß das Motto 1984. In diesem Jahr knüpft man daran an: »Ein Leib, ein Geist, eine Hoffnung«. Erwartet werden rund 350 Delegierte von 149 Mitgliedskirchen in 99 Ländern. Aus Deutschland nehmen zwölf Landeskirchen teil, dazu das Deutsche Nationalkomitee des LWB und die VELKD.

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