Skip to main content

2022. März 31. 9:09

Erklärung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa zum Krieg in der Ukraine

Vom 16. bis 18. März 2022 hat der Rat der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa in Strasbourg getagt. Neben zahlreichen weiteren Themen beschäftigte sich das Gremium mit den Umständen des ukrainisch-russischen Krieges. Während der Beratungen hat - neben dem polnischen und estnischen Vertreter - der ungarische Ratsmitglied, dr. Klára Tarr Cselovszky auch über die humanitäre Hilfeleistung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn, des ungarischen Staates und der weiteren kirchlichen und zivilen Hilfsdienste berichtet. Der Rat hat eine gemeinsame Stellungnahme angenommen, dessen Text auf Deutsch, Englisch und Ungarisch auf dem folgenden Link zu lesen ist.

Charkiw GAW 9Mar2022

Kurzfassung

Der Krieg, den die Russische Föderation seit 2014 gegen die Ukraine führt, hat mit den russischen Angriffen seit 24. Februar 2022 eine neue Phase erreicht. Als GEKE stehen wir an der Seite aller Menschen, die in der Ukraine unerträgliche Not leiden. Wir tun dies auf dreifache Weise: Wir beten, wir erheben unsere Stimmen, und wir helfen. Gemeinsam beten und klagen wir und befehlen die Menschen der Ukraine dem Gott des Friedens und der Gerechtigkeit an. Im Gebet können wir dem Entsetzen und der Furcht Ausdruck verleihen, die wir empfinden, wenn unser Kontinent erneut durch einen Krieg zerrissen wird. Wir erheben unsere Stimmen und verurteilen den Bruch des Völkerrechts durch den russischen Präsidenten Putin. Wir sind solidarisch mit allen Schwestern und Brüdern, die für den Frieden und die Versöhnung arbeiten. Wir helfen, indem wir im Rahmen unserer Möglichkeiten alle Leidtragenden finanziell, materiell und logistisch unterstützen und ihnen bei der Integration in ihren neuen Gemeinschaften helfen. Als Kirchengemeinden und Einzelpersonen bieten wir denjenigen, die vor den Gräueltaten des Krieges fliehen, unsere Gastfreundschaft an.

1. Als Kirchen beten wir

Als Kirchen sind wir zum Gebet aufgerufen. (1 Thess 5,17). Wir bringen unsere Klage zum Ausdruck und geben Zeugnis von der Kraft und der Verheißung des Gebets. In dieser Passionszeit schließen wir uns auf dem gesamten europäischen Kontinent zusammen, um unseren Schwestern und Brüdern in Not beizustehen und um vor Gott Fürbitte zu halten.

Friedensgebet

Allmächtiger Gott – du bist der Gott des Friedens und der Gerechtigkeit.
Wir beten für unsere Schwestern und Brüder in der Ukraine
und an allen Orten, die unter Krieg leiden.
So rufen wir zu dir in Wut und Angst, wir beten, dass Friede herrschen soll und die Gerechtigkeit siegt.

Kyrie eleison, Herr, sei uns gnädig.

Jesus Christus – du bist der Friedefürst.
Wir beten, dass die Waffen schweigen mögen.
Wir beten für diejenigen, die Macht über Frieden und Krieg haben.
Schenke ihnen Weisheit und Mitgefühl in ihren Entscheidungen und führe sie auf den Weg des Friedens.

Kyrie eleison, Herr, sei uns gnädig.

Geist der Wahrheit und des Trostes – du hast die Kraft zu heilen und zu versöhnen.
Wir beten für diejenigen, die geliebte Menschen oder ihr Zuhause verloren haben,
die Essen, Trinken, Schlaf und Sicherheit bitter nötig haben.
Wir beten, dass du deine Kinder sicher bewahrst.
Wir bitten dich, schenke uns einen wachen Geist, weite Herzen und offene Arme, um jenen beizustehen, die Not leiden.

Kyrie eleison, Herr, sei uns gnädig.  

2. Als Kirchen erheben wir unsere Stimmen

Zeugnis geben im Angesicht der Macht

Als Kirchen sind wir aufgerufen, Ungerechtigkeit und Leid entgegenzutreten und unsere Stimme für die zu erheben, die sprachlos und ohne Stimme sind (Sprüche 31,8). Im Lichte unserer Verantwortung vor Gott, unseren Mitmenschen und der Schöpfung verurteilt die GEKE die einseitigen Angriffe der Russischen Föderation auf den souveränen Staat Ukraine als einen Bruch des Völkerrechts und eine Verletzung der Menschenrechte. Als Christen sind wir berufen, Friedensstifter zu sein (Mt 5,9). Das bedeutet, dass Kirchen niemals Krieg oder gewaltsame Konflikte rechtfertigen können. Wir lehnen militärische Aggressionen als ungeeignetes und inakzeptables Mittel der Konfliktlösung strikt ab. Gleichzeitig sind wir zu verantwortungsvollem Handeln und zum Schutz der Schwachen aufgerufen. Daher stimmen wir mit der Charta der Vereinten Nationen überein, dass die Ukraine das legitime Recht auf Selbstverteidigung hat.

Wir glauben, dass der Staat dazu berufen ist, nach Gottes Willen für Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen zu sorgen. Wir erkennen die Entscheidungen der Staaten an, der Ukraine durch die Lieferung von Verteidigungsgütern Unterstützung anzubieten. Die Komplexität der Themen, um die es hier geht, könnte drohen uns zu erdrücken und zu lähmen. Wir fragen uns: Wie können wir als Kirchen Akteure des Friedens und der Versöhnung sein, ohne dem grobem Unrecht und den Menschenrechtsverletzungen bloß stumm zuzusehen? Es gibt hier keine leichten Antworten. Und wir erkennen an, dass jedes Handeln – und Nicht-Handeln – mit Schuld verbunden ist. Wie Dietrich Bonhoeffer es ausdrückte „wird jeder verantwortlich Handelnde schuldig“. Doch wir vertrauen der Gnade Gottes, der uns zu verantwortlichem Handeln aufruft. Zur Verantwortung gehört auch die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion. Wir erkennen und bereuen, wo wir, unsere Kirchen, unsere Theologien, selbstgefällig geworden sind, wo wir uns auf uns selbst und unsere Bedürfnisse konzentriert haben und unsere wichtigste Aufgabe vernachlässigt haben, „Salz und Licht für die Welt“ (Mt 5,13-16) zu sein. Zur Verantwortung gehört auch die Bereitschaft, Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen. Wirksame Wirtschaftssanktionen gegen Russland haben unweigerlich Auswirkungen auf den Lebensstandard in den eigenen Gemeinschaften. Hier ist es die Aufgabe der Kirchen, stellvertretend zu handeln und die Aufmerksamkeit auf die Schwächsten in der Gesellschaft zu lenken, in unseren eigenen Ländern und darüber hinaus – denn der Krieg in der Ukraine hat auch für viele schwache Länder des Globalen Südens katastrophale Folgen (wie zum Beispiel steigende Lebensmittel- und Gaspreise).

Solidarität zeigen

Wir sind solidarisch mit den Menschen in der Ukraine, die unter enormer Not leiden. Wir stehen an der Seite der Menschen in Russland, die bereit sind, für ihre mutige Kritik an Putins Krieg Geld- oder sogar Haftstrafen zu riskieren. Wir stehen an der Seite der Menschen in den Nachbarländern, die sich bedroht fühlen. Wir unterstützen sie durch unsere Gebete, Worte und Taten. Gleichzeitig stellen wir klar, dass wir den Angriffskrieg Putins zwar verurteilen, aber nicht das gesamte russische Volk dafür verantwortlich machen. Wir lehnen antirussische Handlungen und Stimmungen entschieden ab.

Für Versöhnung arbeiten

Als Kirchen bezeugen wir die Wahrheit, dass diese Welt mit Gott durch Christus versöhnt worden ist und dass wir berufen sind, Botschafterinnen und Botschafter der Versöhnung zu sein (2 Kor 5,19f) nicht nur mit Gott, sondern auch unter den Menschen (Eph 2,14-16). Die Geschichte zeigt, dass ein dauerhafter Frieden der Versöhnung bedarf. Putins Krieg gegen die Ukraine und seine Drohungen gegen die NATO und westliche Länder zeigen, dass nach dem Ende des Kalten Krieges Chancen für eine echte und nachhaltige Versöhnung versäumt wurden, weil zugelassen wurde, dass latenter Hass, Vorurteile und Stereotype fortbestehen konnten. Da dieser Krieg neue Überlegungen zu Fragen der Sicherheit, Verteidigung und Zusammenarbeit in Europa auslöst, verpflichten wir uns, an diesem Prozess mitzuwirken, nicht zuletzt durch unser Engagement für die Versöhnung in der Ukraine und darüber hinaus.

3. Als Kirchen helfen wir

Als Kirchen geben wir

Als Kirchen sind wir aufgerufen, zu geben und Notleidende zu unterstützen (Mt 25,40). Das unmittelbare Handeln der Kirchen umfasst die praktische Unterstützung derjenigen, die vor dem Krieg fliehen, wie auch derjenigen, die in der Ukraine bleiben, sowie Engagement für Flüchtlinge aus anderen Teilen der Welt. Das ist tätige Nächstenliebe. Wir danken allen, die so handeln. In vielen europäischen Ländern haben sich kirchliche Netzwerke gebildet, die finanzielle, materielle und logistische Unterstützung leisten und geflüchteten Menschen bei der Integration in ihre neuen Gemeinschaften helfen.

Als Kirchen bieten wir Gastfreundschaft an

Als Kirchen nehmen wir geflüchtete Menschen auf und bieten unseren Schwestern und Brüdern in Not unsere Gastfreundschaft an (Hebr 13,2). Nahezu drei Millionen Menschen wurden bereits gezwungen, die Ukraine zu verlassen; unzählige wurden innerhalb des Landes vertrieben. Wir unterstützen durch Handeln und Gebet die Nachbarländer der Ukraine, die am aktivsten Gastfreundschaft erweisen. Es wird erwartet, dass noch viel mehr Menschen das Land verlassen und in anderen europäischen Ländern nach Schutz suchen werden. Durch die erstmalige Aktivierung der Richtlinie für vorübergehenden Schutz ermöglichen die EU-Mitgliedstaaten eine unbürokratische Soforthilfe für Bedürftige, und andere Länder haben schnelle Vorkehrungen getroffen, um Flüchtlingen einen einfachen Zugang zu Sicherheit zu ermöglichen. Wir sehen das als ein bemerkenswertes Zeichen der europäischen Solidarität mit der Ukraine. Wir begleiten im Gebet alle, die aktive Unterstützung und Gastfreundschaft für geflüchtete Menschen anbieten.

Rat der GEKE, Straßburg, den 18. März 2022